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Der Protektionismus erhebt wieder sein hässliches Haupt

Marktkommentar | 04 Juni 2018 | Kristina Hooper, Chief Global Market Strategist

 
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Kristina Hooper

Chief Global Market Strategist

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  • Die USA haben Strafzölle auf Einfuhren von Stahl und Aluminium aus Kanada, Mexiko und der Europäischen Union (EU) verhängt und erwägen zusätzliche Einfuhrzölle von bis zu 25% auf Autos.
  • Ich halte dies für eine sehr abträgliche Entwicklung, die aus mehreren Gründen Folgen für die Weltwirtschaft haben wird.
  • Zu einem Zeitpunkt, da die globale Wachstumsdynamik bereits nachzulassen scheint, könnte diese Gefährdung des Freihandels das Wachstum zusätzlich bremsen.

Durch die letzte Woche in Kraft getretenen Schutzzölle auf Aluminium- und Stahlimporte aus Kanada, Mexiko und der EU in die USA hat sich das globale Handelsumfeld gravierend verschlechtert. Nur wenige Tage zuvor hatte US-Präsident Donald Trump zudem mögliche Einfuhrzölle von bis zu 25% auf Autos ins Spiel gebracht. Ich halte dies für eine sehr negative Entwicklung, die aus mehreren Gründen Folgen für die Weltwirtschaft haben wird:

  • Sie kann weitere protektionistische Massnahmen zur Folge haben. In einem früheren Blog habe ich Zölle mit Bakterien in einer Petrischale verglichen — weil sie sich ähnlich schnell vermehren. Das trübt die Aussichten auf eine erfolgreiche Neuverhandlung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA). Frankreich hat bereits auf die amerikanischen Einfuhrzölle auf Aluminium und Stahl aus der EU reagiert. „Zölle bestrafen alle, auch die USA“, hat der französische Präsident Emmanuel Macron betont und gewarnt, die EU werde „entschlossen und angemessen, im Einklang mit den Regeln der WTO reagieren“. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor „Eskalationsspiralen“ gewarnt, „die im Ergebnis allen schaden werden“. Historische Belege für eine derartige Entwicklung gibt es genug, vor allem aus den 1920er und 1930er Jahren. Damals zogen Kanada und Europa sofort nach, als die USA protektionistische Massnahmen ergriffen. Es kam zu einem Handelskrieg, der sehr schnell eskalierte, so dass am Ende mehr als 20.000 Importprodukte mit Schutzzöllen belegt wurden.1
  • Zollabgaben werden häufig als Inputkosten weitergereicht und schaden so letztlich dem Verbraucher. Aus dem Beige Book der US-amerikanischen Notenbank (Fed) vom April lassen sich die Sorgen der Unternehmensführer über den zunehmenden Protektionismus und steigende Inputkosten deutlich ablesen (Zölle wurden 36 Mal erwähnt). In der Vergangenheit sind die Inputkosten nach der Einführung von Schutzzöllen und Einfuhrquoten durchweg gestiegen. So haben Untersuchungen gezeigt, dass die Corn Laws (mit denen England im 19. Jahrhundert versuchte, die eigene Landwirtschaft durch hohe Einfuhrzölle auf Getreide und Einfuhrverbote zu schützen) zu höheren Lebenshaltungskosten für britische Arbeiter führten.2 1984 zahlten Verbraucher in den USA schätzungsweise 53 Milliarden US-Dollar zusätzlich für höhere Preise, die auf die in dem Jahr verhängten Einfuhrbeschränkungen zurückzuführen waren.3 Einen Tag, bevor Trump die Schutzzölle verhängte, stellte die US-amerikanische Handelskammer in einer Stellungnahme fest, dass die Stahlpreise in den USA bereits fast 50% höher sind als in Europa und China.4
  • Wirtschaftspolitische Unwägbarkeiten haben in der Vergangenheit gewöhnlich zu einer grösseren Investitionszurückhaltung auf Seiten der Unternehmen geführt. Bei einem Treffen der Europäischen Zentralbank (EZB) erklärte EZB-Präsident Mario Draghi vor kurzem, tatsächliche oder angedrohte protektionistische Massnahmen könnten „das Geschäftsklima und das Vertrauen von Unternehmern und Exporteuren schnell und stark belasten ... und das wiederum kann sich negativ auf die Wachstumsperspektiven auswirken.“ Tatsächlich scheint sich die im ersten Quartal beobachtete Abschwächung der Anlageinvestitionen der Unternehmen in den USA im zweiten Quartal fortgesetzt zu haben, und es gibt wenig Hinweise darauf, dass die jüngste Senkung der Unternehmenssteuern die Investitionsausgaben deutlich gestärkt hätte. Ich führe das auf die wirtschaftspolitischen Unsicherheiten zurück — die vor allem durch die handelspolitischen Schritte und Drohungen der USA verursacht worden sind.
  • Der Protektionismus verhindert den Fortschritt. Einem ökonomischen Grundprinzip zufolge sollten sich Länder auf die Produktion der Güter und Dienstleistungen spezialisieren, bei denen sie einen Wettbewerbsvorteil haben, um ihre Wirtschaft möglichst effektiv zu stärken und möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen. Der Protektionismus schafft meiner Ansicht nach keine Arbeitsplätze — sondern zerstört sie, indem er die Wirtschaft ineffizient macht. Eine Abschottung der US-amerikanischen Stahlindustrie mag einige Jobs in der amerikanischen Stahlindustrie sichern, dürfte aber in der Folge zu höheren Inputkosten führen, das Wachstum bremsen und letztlich Arbeitsplätze kosten. In ihrer jüngsten Stellungnahme warnt die US-amerikanische Handelskammer, dass diese Zölle „zu höheren Kosten für amerikanische Hersteller führen, die amerikanischen Bauindustrie schwächen und das Beschäftigungswachstum in diesen beiden wichtigen Industriezweigen bremsen werden.“ Aus der Hochphase des Protektionismus in den 1920er und 1930er Jahren gibt es einige Zahlen, die nachdenklich stimmen sollten: Von 1929 bis 1932 gingen die US-Einfuhren aus Europa von 1,3 Milliarden US-Dollar auf 390 Millionen US-Dollar zurück. Die US-Ausfuhren nach Europa sanken im gleichen Zeitraum von 2,3 Milliarden US-Dollar auf 784 Millionen US-Dollar.5 Der Welthandel schrumpfte von 1929 bis 1934 um rund 66%.5
  • Die Einfuhrzölle verschleiern das eigentliche handelspolitische Anliegen der USA — die Verletzung von Urheberrechten. Anstatt sich auf das eigentliche Übel – die chinesischen Urheberrechtsverletzungen – zu konzentrieren, haben die USA die Länder zu Feinden gemacht, mit denen sie zusammenarbeiten sollten, um in dieser Frage eine Lösung herbeizuführen. Nicht Handelsdefizite, sondern Produktpiraterie und Copyrightverletzungen sollten auf der handelspolitischen Agenda der USA ganz oben stehen, da sie die grössten Auswirkungen auf die künftige Wettbewerbsfähigkeit haben.
  • Handelsprotektionismus kann Auswirkungen auf die Aussenpolitik haben. Durch die mit angeblichen nationalen Sicherheitserwägungen begründete Verhängung von Schutzzöllen gegen enge Verbündete riskieren die USA, diese gegen sich aufzubringen. Das könnte sich als problematisch erweisen, falls es zu aussenpolitischen Krisen kommt oder Sicherheitsfragen auftauchen, bei denen die USA auf die Hilfe ihrer Verbündeten angewiesen sind. Aus dem Office of the Historian im US-amerikanischen Aussenministerium heisst es: „Sicher ist, … dass die [1930 eingeführten] Smoot-Hawley-Zölle in einer prekären Ära der internationalen Beziehungen nicht förderlich für die wirtschaftliche oder politische Kooperation zwischen den Nationen waren.”6

Fazit

Aus allen diesen Gründen müssen wir die weiteren handelspolitischen Entwicklungen genau im Auge behalten. Während die Märkte auf jede positive Veränderung des Tons in den globalen Handelsgesprächen euphorisch reagieren, scheinen sie die möglichen negativen Folgen eines zunehmenden Handelsprotektionismus zu langsam zu verdauen. Zu einem Zeitpunkt, da die globale Wachstumsdynamik bereits nachzulassen scheint, könnte eine Gefährdung des Freihandels das Wachstum aber zusätzlich bremsen.

Quellen

1 Quelle: Douglas Irwin, „Peddling Protectionism: Smoot-Hawley and the Great Depression“, 2017

2 Quelle: Jeffrey Williamson, „The Impact of the Corn Laws Just Prior to Repeal“, Explorations in Economic History, 1990

3 Quelle: Gary Hufbauer und Howard Rosen, „Trade Policy for Troubled Industries“, Washington DC Institute for International Economics, 1986

4 Quelle: US Chamber of Commerce, 30. Mai 2018

5 Quelle: Office of the Historian, US Department of State

6 Quelle: Office of the Historian, US Department of State. Die „Smoot-Hawley“-Zölle beziehen sich auf den United States Tariff Act von 1930, dessen Urheber Sen. Reed Smoot und Rep. Willis Hawley waren.

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Wichtige Informationen

Daten vom 4. Juni 2018, sofern nicht anders angegeben. Die in diesem Material dargestellten Prognosen und Marktaussichten sind subjektive Einschätzungen und Annahmen des Fondsmanagements oder deren Vertreter. Diese können sich jederzeit und ohne vorherige Ankündigung ändern. Diese Publikation ist nicht Bestandteil eines Verkaufsprospektes. Sie enthält lediglich allgemeine Informationen und berücksichtigt keine individuellen Erwartungen, steuerliche oder finanzielle Interessen.